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Norbert Haug zu Gast bei Jürgens

Der ehemalige Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug glaubt, dass Elektromobilität noch Zeit braucht, bis sie wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll ist.

Hagen. Der frühere Mercedes-Motorsportchef hält viel von Klimaschutz, aber wenig von einer geschönten Debatte über Elektromobilität.

Alle Welt redet über Elektromobilität. Frankreich kündigt an, dass ab 2030 Diesel und Benziner in der schönen Metropole Paris nicht mehr erwünscht sind. Ist also das Ende des Verbrennungsmotors endgültig programmiert? Norbert Haug, langjähriger Motorsportchef bei Mercedes-Benz, winkt ab: „Gott sei Dank, sind wir nicht in allem gefolgt, was die Franzosen in der Vergangenheit gemacht haben.“ Der 65-Jährige ist in seinem E-Klasse-Mercedes von Stuttgart zu einem Jubiläum nach Westfalen gekommen. 50 Jahre AMG wurden gestern Abend im Mercedes-Autohaus Jürgens in Hagen mit rund 600 Gästen gefeiert. Vorab nahm sich der Autoexperte Zeit für ein Gespräch mit der WESTFALENPOST.

AMG, die Daimler-Tochter, bei der es just genau darum geht, aus dem Verbrennungsmotor in Handarbeit ein perfektes, leistungsstarkes Aggregat zu schaffen, hat Haug erst als Motorsportjournalist und später in seiner Rolle bei Mercedes die Firmengeschichte von AMG 35 Jahre lang hautnah erlebt.

 

Ein Pro-6d-Dieselprogramm

Hat jemand wie er, der so eng verbunden ist mit der Faszination blubbernder Boliden, überhaupt ein Ohr für sirrende Elektrogefährte? „Ich halte mich für einen Beschleuniger, nicht für einen Bremser“, stellt Haug klar – interessiert an sinnvollen Veränderungen. Gar brennend interessiert daran, die Klimaziele zu erreichen, sei er. Nur stört ihn in der Debatte schon einiges. „Wir werden glauben gemacht, dass die E-Mobilität CO2-frei sei und keinen Feinstaub verursacht. So ist es ja nicht, Der Auspuff steht nur woanders“, hebt Haug darauf ab, dass die Ökobilanz bekanntlich gar nicht so brillant ist.

Für die Wirtschaft sind verlässliche Rahmenbedingungen durch die Politik unverzichtbar. In welche Schwierigkeiten eine Branche ansonsten geraten kann, zeige die Energiewende. Dennoch lehnt Haug ein festes Datum für den Ausstieg aus der Verbrennertechnologie rigoros ab. Einen Zielkorridor, ja. Aber 2030 oder 2040 der Ausstieg aus dem Diesel? Ein klares „Nein!“ „Was wir schaffen müssen, ist die alten Diesel loszuwerden. Wir brauchen ein Pro-6d-Dieselprogramm. Das wäre der rationale Weg.“ 6d ist die seit Anfang September geltende Norm für neu zugelassene Dieselfahrzeuge. Viele Diesel erfüllen diesen Standard noch nicht, manche behaupten, kein einziges Modell. Dennoch dürfte es realistischer sein, Diesel schneller sauberer zu machen, als sauberen Strom zapfen zu können und überhaupt erst einmal eine flächendeckende Infrastruktur mit akzeptablen Ladezeiten hinzuzaubern. Mit schnell meint Haug sehr flott: „Es wartet doch kein Mensch 20 Minuten beim Laden.“

 

Der Markt entscheidet

Haug hält es mit den Liberalen, bei denen er auch in einem Wirtschaftsrat über Mobilität diskutiere: „Jeder soll wählen können, was er mag.“ Sprich: Der Markt wird entscheiden. E-Fahrzeuge hätten eben Mankos. „Sie sind zu teuer und sie können weniger als vergleichbare Verbrennermodelle.“

Die Gewinnspanne für die Automobilindustrie, eine der Säulen der deutschen Wirtschaft mit hunderttausenden Arbeitsplätzen, sei noch zu gering. Es sei schließlich auch ein Unterschied zwischen Autoentwicklung und Auslieferung, bemerkt Haug mit Blick auf das ehrgeizige Projekt von Elon Musk mit seinem Unternehmen Tesla. „Ich glaube, dass die deutsche Industrie keineswegs im Tiefschlaf in Bezug auf E-Mobilität ist.“ Ein Durchbruch werde noch dauern, fünf Jahre mindestens. Beim zweiten Trend, dem Autonomen Fahren, noch länger: „Wenn wir genauso oft im Graben landen, wie ich mit meinem Mobilfunkgerät aus dem Netz fliege, dann gute Nacht.“ Auf der Heimfahrt die vier Stunden von Hagen nach Stuttgart vertraut Haug lieber seinen eigenen Fahrkünsten: „6,6 Liter auf 100 Kilometer habe ich hierher verbraucht. Meine Herausforderung ist heute nicht mehr der schnellste Schnitt“, versichert der Hobbyrennfahrer.

 

Quelle: Westfalenpost vom 12.10.2017, Jens Helmecke

Bildquelle: Volker Hartmann